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Gefahr aus Plastikschaum

Spechtlöcher, Algen, Brandrisiko: Hausdämmung mit Styropor ist problematisch


Sie tauchen meist an Giebelwänden oder an den Ecken von Gebäuden auf: kreisrunde, handgroße Löcher in Fassaden. Betroffen sind Häuser mit Wärmedämmung, denn nur deren Fassaden klingen so hohl, dass Spechte glauben, hier lasse sich nach Futter suchen oder eine Nisthöhle einrichten. Verliert der Specht das Interesse, tauchen oft Nachmieter auf. Vor allem Stare und Spatzen haben die Vorzüge der Fassadendämmung erkannt. 'Sie sind darin geschützt vor Wind und Wetter', sagt Niko Plath von der Hamburger Firma Ropeworx, für die das Schließen der Spechtlöcher zum lukrativen Geschäftszweig geworden ist. Seine Kollegen und er seilen sich mit Klettergeschirr vom Dach ab und schließen die Höhlen.


Mehr noch als den optischen Schaden müssen Hausbesitzer und Mieter fürchten, dass Feuchtigkeit eindringt. Ist die Nässe aber erstmal drin, kann sie nicht mehr raus aus einem sogenannten Wärmedämmverbundsystem (WDVS). 'Wenn Feuchtigkeit hinter die verputzte oder verklinkerte Fassade eindringt, dann haben Sie unweigerlich größere Bauschäden', sagt Holger Westphal, Technischer Leiter der Hamburger Wohnungsgenossenschaft von 1904.


Es ist zwar klar, dass aus Gründen des Klimaschutzes der Energieverlust durch die Wände von Wohn- oder Geschäftshäusern reduziert werden sollte - nicht zuletzt, weil sich so Heizkosten sparen lassen. Doch 'die in den Energiepässen prognostizierten Energieeinsparungen lassen sich nicht realisieren', sagt Westphal. 'Es werden dort Einsparungen von 65 Prozent oder noch mehr prognostiziert. Das ist unrealistisch.'


Dennoch hat die '1904' gerade wieder eine große Wohnanlage mit 169 Wohnungen energetisch sanieren lassen. Die Energieeinsparverordnung (EneV) verpflichtet Bauherren dazu. Zudem werden die Maßnahmen aus Steuermitteln gefördert. Und sie lassen sich, anders als normale Instandhaltungsmaßnahmen, auf die Mieter umlegen. Davon macht Westphals Genossenschaft sehr maßvoll Gebrauch. Die Monatsmiete steigt pro Quadratmeter um einen Euro, obwohl drei Euro möglich gewesen wären. Trotzdem dürfte sich die Sanierung für die Mieter kaum rechnen: Westphal erwartet eine 'Energieeinsparung zwischen 30 und 40 Cent pro Quadratmeter und Monat.'


Ob sich die Sanierung für die Genossenschaft lohnt, steht ebenso in den Sternen, weil die Instandhaltungskosten von gedämmten Häusern höher sind. Es muss nicht einmal zu Feuchtigkeitsschäden oder Spechtlöchern kommen, damit es teuer wird. Mehr als 75 Prozent aller gedämmten Fassaden haben Probleme mit Schmutz, Algen oder Pilzen, wie eine Studie im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen in Kiel zeigt. Dafür verantwortlich sei ein 'dauerfeuchter Oberflächenfilm'. Gedämmte Fassaden kühlen nachts schnell aus, sodass sich Wasser niederschlägt. Es kann nicht verdunsten, weil die Dämmung den Wärmestrom von innen unterbricht. Und anders als massives Mauerwerk kann sich die Fassade mangels Masse auch tagsüber nicht mit Sonnenwärme vollsaugen, um diese nachts abzugeben.


Die Feuchtigkeit bietet beste Voraussetzungen für die Algenbesiedlung. Daher mischen die Hersteller von Farben und Putzen häufig Fungizide und Algizide in ihre Produkte. Doch das Gift kann nur wirken, wenn es wasserlöslich ist. Folglich wird es mit dem Regen abgewaschen. Schweizer Forscher haben ermittelt, dass der Großteil in der Regel nach fünf Jahren ausgewaschen und in die Gewässer abtransportiert wurde. Vor allem kleine Bäche seien zeitweise hoch mit Bioziden aus Fassaden belastet, sagt Irene Wittmer von der Eidgenössischen Anstalt für Gewässerschutz.


Sind die Biozide ausgewaschen und ist die Gewährleistungsfrist abgelaufen, werden die Fassaden grün oder schwarz. Da die Schimmelsporen auch in die Wohnräume gelangen können, ist dies nicht nur ein ästhetisches Problem.


Weit größer ist jedoch die Gefahr, die bei Feuer von der Dämmung ausgehen kann. Im Gegensatz etwa zu einem massiven Mauerwerk oder einer Dämmung mit teureren Materialien wie Steinwolle oder Mineralschaumplatten, bergen die in vier von fünf Fällen eingesetzten Styropor-Platten eine Feuergefahr. Versetzt mit Flammschutzmitteln und geschützt durch eine Putzschicht gelten sie zwar als schwer entflammbar, aber sie sind brennbar.


Was das bedeutet, musste Albrecht Broemme erfahren. Als Leitender Branddirektor von Berlin war er 2005 zu einem Großbrand in Pankow gerufen worden: 'Dass ein Zimmerbrand dazu führt, dass die Fenster platzen, die Flammen rausschlagen, ist nichts Besonderes', erinnert sich Broemme. Aber dann fing die Fassade an zu brennen, und das Feuer sprang von außen in andere Wohnungen. 'Das ist schon ein Fall, der sonst nicht vorkommt', sagt der ehemalige Feuerwehrmann. Bei dem Brand starben zwei Menschen, etliche konnten erst in letzter Minute vor den giftigen Rauchgasen gerettet werden.


Die Brandsicherheit von WDVS mit Polystyrol wird im Rahmen ihrer Zulassung mit Brandversuchen im Originalmaßstab geprüft. Durchgeführt werden sie von der Leipziger Prüfungsanstalt für das Bauwesen und dem Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen. Ein Fernsehteam des Norddeutschen Rundfunks hatte sich über Monate bemüht, einen solchen Versuch filmen zu können. Schließlich gab der Sender einen eigenen Versuch bei der Materialprüfanstalt in Braunschweig in Auftrag. Er entsprach einem simulierten Zimmerbrand, bei dem die Flammen auf die Dämmung übergreifen. Ein zugelassenes WDVS eines Markenherstellers mit 160 Millimeter dicken Dämmplatten aus Polystyrol, geschützt durch Armierung, Putz und Anstrich, wurde dem Ernstfall ausgesetzt.


Zwanzig Minuten hätte die Dämmung den Flammen standhalten müssen. Doch sie fing so schnell Feuer, dass der Versuch nach acht Minuten abgebrochen werden musste. Die Wand brannte lichterloh, am Boden darunter hatte sich ein Feuer aus brennend abtropfendem Polystyrol gebildet. Trotz der Abluftanlage breiteten sich große Mengen giftiger Rauchgase in der Halle aus. Uwe Zingler von der Feuerwehr Braunschweig musste das Feuer mit seinem Team löschen. Sein Fazit: 'Nach acht Minuten kann so eine Fassade gänzlich brennen.'


Der Industrieverband Hartschaum hat inzwischen gegen die Dokumentation protestiert: Diese sei eine 'unzulässige Verzerrung der Realität', der NDR-Versuch habe nicht den geforderten Brandschutzprüfungen für die Zulassung von WDVS entsprochen. Diese verlangen über dem simulierten Fenstersturz einen 20 Zentimeter breiter Streifen aus nicht brennbarer Mineralwolle, der ein Eindringen der Flammen in die Wärmedämmung aus Polystyrol verhindern soll.


Doch im Hausbau kommen diese Brandsperren über den Fenstern offenbar nur selten zum Einsatz. Wesentlich unkomplizierter ist der - seit einigen Jahren ebenfalls zulässige - Einbau eines umlaufenden Brandriegels über jeder zweiten Etage. Diese Praxis hinterlässt jedoch immer in einem Stockwerk ungeschützte Gebäudeöffnungen, sprich Fenster, aus denen die Flammen eines Zimmerbrandes auf das Dämmmaterial übergreifen können. Genau diese Situation hatte der Versuch im Auftrag des NDR nachgestellt und kam somit der Realität sehr nahe. Auf diese Problematik geht der Verband in seiner Stellungnahme jedoch nicht ein. Auch dass die verwendeten Materialien grundsätzlich brennbar sind, widerlegt er in seiner Note nicht.


'Wenn die Bewohner um das Risiko wüssten, würden sie wohl auf die Straße gehen', sagt Albrecht Broemme, inzwischen Präsident des Technischen Hilfswerks. 'Das Thema war bislang etwas für Fachleute - Bewohner werden vom Brand überrascht.'


GÜVEN PURTUL


Der Autor hat auch die NDR-Dokumentation 'Wahnsinn Wärmedämmung' erstellt. Sie wird am Mittwoch, 7.12., um 13.15 Uhr bei Phoenix wiederholt und ist in der NDR-Mediathek abrufbar.



Quelle
Verlag Süddeutsche Zeitung
Datum Mittwoch, den 07. Dezember 2011
Seite 16