Bayerwaldbote Zwiesel „Portrait der Woche“  Freitag, 2. Januar 2009

„Schweigen würde mich zerreißen“

Der Zwiesler Helmut Geiss komponiert seit 40 Jahren zeitkritische Lieder

Geiss Haejm , Foto Simone Sälzer

Helmut Geiss alias „Geiss Haejm“ gehört zur Elite der bayerischen Dialekt-Musikliteraten. Mit „Harakire um hoiwe Viere“ hat er jetzt seine 30. CD vorgelegt.

 


Von Simone Sälzer und Erwin Steckbauer

Zwiesel. Dick eingemummt mit Winterjacke und Mütze spaziert Helmut Geiss mit seiner Frau und der Enkelin über die schneebedeckten Wiesen in Zwiesel. Es scheint, als sauge er die wärmenden Sonnenstrahlen auf. Der 57-Jährige wirkt ruhig und in sich gekehrt. „Aus der Natur schöpfe ich die Kraft“, sagt er. Kaum zu glauben, dass der Zwiesler seit 40 Jahren mit seinen zeitkritischen Mundart-Liedern als „musikalischer Rebell“ gilt. 620 Lieder und 100 Instrumentalstücke hat er bisher komponiert, daneben seinen Gedanken auch in Büchern und Malerei Ausdruck verliehen. „Wenn ich schweigen müsste, würde es mich zerreißen.“ Musik sei für ihn so wichtig wie Essen und Trinken, sagt Helmut Geiss, der in der Musikerszene vor allem unter dem Namen „Geiss Haejm“ bekannt ist. „Lieder sind das wichtigste Mittel, um Gehör zu finden.“ Bereits mit 14 Jahren ist er Bassist in einer Rock- und Bluesband. „Damals haben wir allerdings noch auf Englisch gesungen“, erinnert er sich, „deutsche Texte wurden belächelt.“ Dennoch will er in den Sechzigerjahren - beeinflusst von Bob Dylan, aber auch Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky - deutsche Lieder komponieren. Mit 19 Jahren zieht der gelernte Apparateglasbläser nach Berlin, macht eine Umschulung zum Erzieher. Seine zeitkritischen Texte will er in die Öffentlichkeit tragen und erobert nach und nach die Kleinkunstbühnen. „Ich war ein Träumer, ein Weltverbesserer“, sagt Geiss und blickt nachdenklich auf die verschneite Landschaft. „Meine Lieder waren gesungene Predigten.“ Vor allem Gewalt und Umweltzerstörung regen den Pazifisten damals auf. Die Augen des nach außen so ruhig wirkenden Mannes blitzen plötzlich auf. Man merkt, dass ihn so manches auch heute noch bewegt. Doch auch das Hochdeutsche bleibt letztendlich für ihn eine Art Fremdsprache. „So richtig wohl fühle ich mich nur in der Mundart.“ Ab 1970 schreibt er seine Lieder, die er meist mit der Gitarre begleitet, auf bairisch.

„Wohl fühle ich mich nur in der Mundart“


„Im Bairischen kannst du auch mal humorig verpackt kräftigere Sachen sagen, ohne gleich verletzend zu wirken“, sagt er und lacht. Helmut Geiss hat mit seinen kritischen Mundart-Liedern Erfolg. Mitte der Siebzigerjahre kehrt er für einige Jahre wieder in den Bayerischen Wald zurück und betreut in Zwiesel die Gymnasiasten im Augustiner-Kloster. Er baut Bands und Theatergruppen auf - und nimmt viele Anregungen für seine Kompositionen mit. „Meine Lieder sind zwar im Ich-Stil verfasst, aber sie handeln von anderen Personen, in deren Rolle ich schlüpfe.“ Nebenbei bewirtschaftet Geiss als Ausgleich zum hektischen Musikerleben eine kleine Landwirtschaft. Er sei auch ein sehr praktischer Mensch und liebe die Natur. „Ich mag so sehr, wenn es staad ist“, sagt er, hält inne und lässt die Landschaft auf sich wirken. Er hat Tiere, baut Obst und Gemüse selbst an - und braucht seine Familie um sich. „Meine Frau war meine größte und wichtigste Kritikerin“, sagt er. An den Wochenenden tingelt Helmut Geiss die verschiedenen Kleinkunstbühnen in Süddeutschland ab und bringt seine Schallplatten im Selbstverlag heraus.


 Ende der Siebzigerjahre nimmt er eine Stelle als Internatsleiter in Bad Wörishofen an. „Von der Musik allein hätte ich damals nicht leben können“, sagt er. Wenig später schon, denn Mitte der Achtzigerjahre feiert er seine größten Erfolge - doch er will keine Kommerzialisierung seiner Lieder. Das Schönste für ihn sind die Bardentreffen in Nürnberg und sein Auftritt in Wackersdorf. „Ich dachte, ich könnte mich auf den Beifall drauflegen.“ Geiss’ Augen leuchten - auch wenn er zugibt, die Bühne sei nie sein Leben gewesen, er habe sich immer mehr als Komponist gefühlt.


Tschernobyl als tiefer Einschnitt


Doch bald darauf folgt ein tiefer Einschnitt in sein Musikerleben: Tschernobyl. Helmut Geiss schweigt, man hört nur das Knirschen des Schnees. „Ich dachte mir damals, wenn die Leute jetzt nicht merken, was los ist, kann ich mit meinen Liedern auch nichts mehr bewegen.“ Er will sich von der Bühne zurückziehen, sich mehr seinen Gedichten, Geschichten, Theaterstücken und Bildern widmen - auch wenn viele Engagements an ihn herangetragen werden. Alle ein bis zwei Jahre bringt er eine neue Platte oder ein neues Buch heraus. Anfang der Neunzigerjahre will er wieder in den „Woid“ zurück, wie er sagt. Er übernimmt die Leitung der Lebenshilfe-Wohnheime. Sein letztes großes Werk sind 20 CDs, die er mit insgesamt 500 alten und neuen Liedern im Jahr 2000 herausbringt. „Seitdem versuche ich mir das Komponieren abzugewöhnen“, sagt er und schmunzelt. Doch erst vor kurzem brachte er seine 30. CD mit dem Titel „Harakire um hoiwe viere“ heraus. „Wenn mich etwas bewegt, muss ich es einfach auf Papier bringen.“ So komponiert er nicht nur Lieder, schreibt Bücher oder malt Bilder - mittlerweile hat er auch fast 200 Leserbriefe an verschiedene Zeitungen geschickt.


Mehr Informationen zum Liedermacher Helmut Geiss unter www.freigeisst.de.